9 Georgien: Rechtslenker und ChaCha

Das Land empfängt uns mit schlechtem Wetter. Es gießt aus Kübeln, als wir die Grenze erreichen. Claudia und ich dürfen passieren, Chris und Sara werden von dem netten Grenzbeamten ins Gebäude begeben, ihre Aufenthaltsdauer von 3 Monaten in der Türkei ist um 4 Wochen überschritten. Nach einer Stunde kommen sie lächelnd zurück. Sie konnten wählen zwischen einer 200 €- Strafe oder einer Verbannung für 5 Jahre. Kein Frage, wofür sie sich entschieden haben. Bei vorzeitiger Einreise kann dann immer noch die Strafe gezahlt werden…

Am frühen Nachmittag erreichen wir Batumi, die zweitgrößte Stadt Georgiens, direkt an der Schwarzmeerküste gelegen. Batumi rockt, klasse Leute, klasse Stadt. Der Unterschied gerade zur sehr konservativen Osttürkei kann größer nicht sein. Hier spielt das Leben, es gibt Musikkneipen, Strandbars mit Live-Rockmusik und das Batumi-Jazz-Festival. Am Abend gibt es ein Open Air von The Prodigy, ich bekomme noch die letzten drei Lieder von draussen auf der Videoleinwand mit, das Konzert für 20 € war lange ausverkauft. Am zweiten Abend gehe ich mit Claudia zu Nik West, die kleine Schwester von Lenny Kravitz. Viele Songs sehr tanzbar, wir erleben ein klasse Sommerkonzert.

Unter kommen wir im Guesthouse. Ich bevorzuge es, für 3,50 € im großen Garten zu übernachten, Chris und Saga suchen und finden einen kostenlosen Schlafplatz. Ihr Ziel ist es, kein Geld für’s Nächtigen auszugeben. Tatsächlich werden sie durch einen Kontakt in der nahen Bäckerei nach Hause eingeladen.

Die zwei Tage Batumi inklusive Radreparatur (Gewindeerneuerung Gepäckträgeraufnahme in einer äußerst betriebsamen und improvisationsfreudigen Hinterhofgaragenschmiede) vergehen schnell, Claudia entscheidet sich, noch einen weiteren Tag zu bleiben und Chris und Sara fahren schon nach der ersten Nacht weiter. So treffe ich die Beiden erst fünf Tage später auf dem Rainbow-Gathering wieder und Claudia darauf in Tiflis.

Am ersten Tag darauf geht es an der Küste entlang, dann erwische ich eine ruhige und landschaftlich sehr ansprechende Nebenroute Richtung Osten. Bei den Übernachtungen gibt es sehr angenehmen Kontakte zu den Einheimischen. Hinter Kobuleti beim Zelten am Stand treffen ich Stephan, er spricht gut Deutsch und zeigt Bilder von seiner Parmir-Highway-Motorradtour. Auch eine beliebte Route bei den Radfahrern, die Richtung China unterwegs sind. Der Name trügt jedoch, wie ich sehe gibt es einen hohen Offroad-Anteil und es geht über 4000er-Pässe. Meine Route soll eine Andere sein…:-)

Zwischendurch gibt es eine sehr sympathische Übernachtung bei der Familie, die die Dorfbäckerei betreibt. Ich darf das Zelt im begrünten Innenhof aufstellen. Wir haben zusammen viel Spaß, die Senior-Chefin spricht gut Englisch. Am nächsten Morgen werde ich in die „Hohe Kunst“ des Khatchapuri-Backens im Lehmofen eingeweiht. Das 500g-Weißmehl-“Brot“ ist für 0,35 €-Cent zu bekommen und wahlweise mit Kartoffeln, Pilzen oder Linsen gefüllt. Schon köstlich, aber sehr sehr sehr „füllend“. Georgisches Fastfood.

Auf dem Rainbow angekommen hoch über einer Talsperre in den Bergen 70 km nördlich von Tiflis gelegen werde ich von Gustav in Empfang genommen. Er ist ebenfalls aus Deutschland mit dem Rad gestartet und zusammen mit Aiden aus England unterwegs. Zuvor hatten mir zwei Mädels geholfen, überhaupt den Platz im Wald zu erreichen. Zusammen haben wir das Gespann 1 km sehr steil den Berg mit einigen Pausen hochgequält. Die Beiden kamen zum Glück auch gerade an und waren hilfsbereit trotz der großen Rucksäcke. Die Rainbow-Orte sind bekannt dafür, dass sie mit dem Auto nicht erreichbar und sehr abgelegen sind. Schnell komme ich ins Gespräch, es sind ca. 70 Leute aus aller Welt hier, viele Menschen aus der Türkei, aus dem nahen Russland und dem Iran. Klasse Kontakte für das übernächste Reiseland, erfahre viel über Land und Leute. Die Stimmung ist sehr angenehm, es wird zusammen gekocht, im Food-Circle um das Feuer gesungen, getanzt und gegessen. Viele haben ihre Instrumente dabei. Wasser gibt es aus der nahen Quelle, Waschen kann man sich dort mit einem Schlauch, es gibt außerdem einen Wasserfall. 8 Tage Naturerlebnis pur abseits der Zivilisation. Klasse Erfahrung.

Zusammen mit Sara und Chris geht es in fünf Stunden in die Hauptstadt. Wir treffen am Nächsten Abend nach der Übernachtung am Rand vom Botanischen Garten hoch über Tiflis Koen und Julian wieder, später im Why Not Hostel auch Claudia. Es wird unser Basislager für die nächsten Tage.

Zusammen mit Claudia fahre ich am Montag zur Iranischen Botschaft. Die Beantragung des Visums verläuft ausgesprochen gut, nach zwei Tagen können wir es abholen. Zwischendurch gehe ich zum Zahnarzt, einen Krone hatte sich verabschiedet. Ohne Termin komme ich sofort an die Reihe, Zahnvorbereitung mit Stiftaufbau und schon am nächsten Tag ist die Krone fertig. Und das alles für Sage und Schreibe 60 €. Die japanische Keramik soll sehr lange halten; bin begeistert.

Neben weiteren Besorgungen wird die Stadt erkundet, hier lassen sich auf dem Bazar leicht sonst rare Lebensmittel auffüllen. Trockensoja, Hirse, Leinsaat, Kerne und Gewürze sind im reichhaltigen Angebot. Ein Nachmittag vergeht in einem traditionellen Hamam in der Altstadt, neben der Sauna werden Massagen angeboten und heißes Wasser kommt aus der Thermalquelle, und das zum Eintrittspreis von 1,50 €. Sara und Chris sind in der Zwischenzeit abgereist, sie wollen zurück in die Berge und erst später weiter nach Armenien. Koen und Julian hatten sich schon bald aufgemacht, Koen hat den Nachtzug nach Yerevan genommen, um weiterhin seinen Finger zu schonen.

Die wahren Schätze der Stadt konnte ich nicht wirklich entdecken, so zieht es auch mich zurück in die Natur. Mit dem Bus fahre ich einen Tag nach Mestia Richtung Nordwesten. Das Bergdorf ist auf 1.500 m gelegen und ein Wanderparadies. Ich möchte von hier eine Tageswanderung zum Gletscher unternehmen, zuvor war ich lediglich im Winter einmal Ski auf einem Gletscher gefahern. Diesmal werde ich nicht enttäuscht. Obwohl es bald anfängt zur Regnen, ist der Gletscher der Hammer. An der Bruchkante leuchtet das Eis blau und darunter kommt ein reißender Wildwasserstrom hervor. Wo so viel extrem schnellfließendes Wasser herkommt, ist mir ein Rätzel. Ein sehr beeindruckendes Erlebnis.

Als ich nach dem Abendessen zurück in Mestia mein restliches Gepäck im Dorfladen abholen will, ist das Geschäft geschlossen. Noch am Vorabend war bis 4 Uhr nachts geöffnet. Auch diesmal habe ich Glück, treffe Beka der gut Englisch spricht und mir kurzerhand einen Schlafplatz anbietet. Zusammen ziehen wir um die Häuser und erleben einen speziellen Georgischen Abend. Sänger aus Tiflis sind hier aufgetreten, wir treffen sie im Restaurant beim späten Abendessen. Die Kommunikation der Leute untereinander verläuft fast ausnahmslos in Tost-Ansprachen, zwischendurch wird immer wieder Gesungen, meist im Duett. Traditionell Georgischer Gesang mit Wahnsinnsstimmen. Der Abend verläuft bis spät in die Nacht. Beeindruckendes Georgien.

Zurück in Tiflis mit Bus und Nachtzug drehe ich in der letzte Woche eine Schleife durch den Osten des Landes. Die Region ist für den Weinanbau bekannt. Telavi ist neben Sighnaghi sehr beeindruckend, die Menschen ausgesprochen freundlich und die Landschaft mit Pässen von bis zu 1.700 m herrlich. Am Ende der Tour gibt das Kugellager der Pedale auf, die Neubeschaffung vor Ort ist aussichtslos. Nach notdürftiger Reparatur funktioniert das Pedal ausgesprochen gut, so dass ich mich entscheide, nicht mehr ins betriebsame Tiflis zurückzufahren und nehme Kurs auf Armenien. By By beautiful Georgia!

Bis zum nächsten Beitrag

Peace, Love, Freedom and Rock’n’Roll, Mark

P.S. Es gibt in Georgien auffallend viele Rechtslenker-Fahrzeuge, es sind günstige Importe aus Japan. Chacha ist der georgische Trester, man wird bei jeder Gelegenheit fast gezwungen, damit anzustoßen…

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